ANNA GIORNALISTA

30.01.2016
Medien

Zwischen Traum und Wirklichkeit - Ein Blick auf die Haute-Couture-Schauen

In dieser Woche haben die Haute-Couture-Schauen in Paris stattgefunden. Ich habe mir die Bilder der meisten Defilées angesehen, mit einer Mischung aus Neugier und großer Bewunderung, manchmal auch mit einem leichten Befremden. Natürlich ist die Haute Couture, ganz traditionell, die vollendete Perfektion der Schneiderkunst. Für mich als ambitionierte Hobbyschneiderin damit so etwas wie ein Vorbild und heimliches Ziel. Andererseits: Was mache ich mit einem Organza-hinterlegten, handgesäumtem Abendkleid mit Schleppe? Werde ich das in meinem Leben jemals tragen?

Wir leben in einer Zeit, in der der Streetstyle überall die Herrschaft ergriffen hat. Elegante Kleidungsstücke werden mit Sneakers „down gestylt“, jeder möchte möglichst lässig daher kommen. Modeblogs hypen die relativ schlecht verarbeiteten fast-Fashion-Kreationen von Zara. Es rümpft niemand die Nase, wenn man als Hochzeitsgast in einem schlichten Jerseykleid erscheint. In dieser Zeit kommt mir die Haute Couture manchmal vor wie ein Relikt aus einer anderen Welt. Einer Welt, in der man noch zum Schneider ging, um sich ein Sonntagskleid anfertigen zu lassen. In der Hausfrauen jedes Loch lieber ordentlich gestopft haben, anstatt sich ein neues Kleidungsstück zu leisten.

Was machen wir also heute mit der Haute Couture? Wir bewundern sie, himmeln sie vielleicht an, tragen funkelnde Abendroben und andere elegante Stücke aber so gut wie nie. Brauchen wir auch nicht, wenn wir nicht gerade ein Star und zur nächsten Oscarverleihung eingeladen sind. Selbst die Modehäuser haben mit der Sparte ihre Schwierigkeiten, weil sie so kostspielig ist. Oft dient sie eher der Imagepflege einer Marke, als dass damit wirklich Umsätze gemacht werden. Die Pariser Chambre Syndicale de la Haute Couture, so etwas wie die schneidertechnische Kontrollinstanz der Schauen, zählt schon seit vielen Jahren immer weniger Vollmitglieder. Die Chambre lädt daher Modehäuser als Gäste ein (in diesem Jahr zum Beispiel Schiapparelli) oder ernennt Modehäuser, die ihren Sitz nicht in Paris haben, als korrespondierende Mitglieder, damit sie an den Schauen teilnehmen.

Die Designer wissen um diesen Status der Haute Couture und vieles davon drückt sich in ihren Kreationen aus. Wenn diese schon die Ansprüche und Fantasien einer realitätsfernen Traumwelt bedienen sollen, dann richtig. Bei Elie Saab laufen feengleiche Models in silberglitzernden Kleidern durch einen Urwald. Bei Armani Privé schweben fliederfarbenen Chiffonhosen und Rüschenkleider über den Laufsteg. Zu seiner Kollektion „Mauve in Mouvement“ sollen ihn die Farben und Bewegungen des Meeres inspiriert haben. Giambattista Valli zeigt Roben aus Satin und Tüll. Die blühenden Parks von Paris sollen Grundlage für seine Kreationen gewesen sein. Manche Models erinnern aber auch an Figuren auf antiken Gemälde aus der Zeit Napoleons. In einem Paris, das die terroristische Bedrohung fürchtet, verweist seine Mode zurück auf die vermeintlich guten Episoden der französischen Geschichte. Ganz anders die Kollektion der Maison Viktor & Rolf. Sie ist in modernem, schlichtem Weiß gehalten und zeichnet sich durch ihre Reliefartigkeit aus. Auf exentrische, gerade noch tragbare Kleider folgen voluminöse, untragbare Entwürfe. Hier werden die Grenzen zwischen Mode und (Schneider-) Kunst bewusst ausgelotet.

Eine Brücke zu schlagen zwischen der Traumwelt der Haute Couture und der populären Alltagskultur, das versucht Saison für Saison Karl Lagerfeld. Vor zwei Jahren sorgte er für Aufsehen, als er seine Couture-Models in Turnschuhen über den Laufsteg schickte. Auch in diesem Jahr widmet er seine Chanel-Kollektion dem modernen Stadtmenschen. Das schlichte Holzhaus, das er im Grand Palais aufbauen ließ, soll dessen Sehnsucht nach ökologischer Nachhaltigkeit zur Schau stellen, auch die Materialien der Kleidungsstücke wirken roh oder natürlich, ebenso die Farben. Das Styling der Models erinnert an die Figuren aus Star-Wars, im ersten Moment vielleicht unpassend, aber es ist ein Film, der, ähnlich dem Holzhaus, aus der Vergangenheit kommt und zugleich einen Weg in die Zukunft weist. Dass all die gezeigte Mode dann doch wieder nicht so ganz reell ist, wird klar am Ende der Schau, als das Holzhaus mit den darin aufgestellten Models plötzlich wirkt wie ein Puppenhaus.

Am Ende ist die Haute Couture eben doch viel mehr Show, ein kulturelles Event, als Kleidung für unseren Alltag. Trotzdem waren wir in unserem Alltag - paradoxerweise - der Haute Couture noch nie so nahe. Während sie früher nur einem erlesenen Kreis von Adeligen oder Journalisten präsentiert wurde, macht das Internet sie heute für jeden zugänglich. Auf Instagram finde ich Nahaufnahmen und 360° Grad-Videoschnipsel verschiedener Kreationen, ich kann mir Stoffqualität des Chanel-Kostüms aus der Nähe ansehen und den plissierten Saum des Dior-Kleides. Und selbst, wenn ich mir keine dieser Kreationen leisten kann und und mir das fliederfarbene Abendkleid mit Schleppe niemals nachnähen werde – in diesem Moment des Anschauens lasse ich mich gerne in eine Traumwelt entführen.